Spielt der NABU dem Hauptverdächtigen in die Hände? Ex-Kurator des Projekts „Großer Bau“ Yuriy Golik erhielt keine Verdachtsmitteilung im Fall um 10 Millionen US-Dollar
17:41, 20 июля 2026 г.
Während in ukrainischen Gerichten das Verfahren wegen der Veruntreuung von Straßenbaugeldern an Fahrt gewinnt, beobachtet der wichtigste Nutznießer der mutmaßlichen Strukturen den Prozess weiterhin aus Wiener Cafés.
Die von den Antikorruptionsbehörden an das Gericht übergebene Anklageschrift gegen den ehemaligen Leiter der Gebietsverwaltung Dnipropetrowsk, Valentin Reznichenko, zog formal einen Schlussstrich unter die Ermittlungen zur Veruntreuung von 10 Millionen US-Dollar. Doch eine zentrale Frage blieb unbeantwortet: Warum verschwand aus den Verfahrensunterlagen vollständig die Figur eines Mannes, ohne den diese Strukturen praktisch nicht hätten funktionieren können?
Außerhalb des prozessualen Fokus blieb Yuriy Golik – der informelle Kurator und „Aufpasser“ der Bankowa für das Programm „Großer Bau“. Über ihn liefen jahrelang die Straßenbau-Budgets zusammen, über ihn wurden Auftragnehmer abgestimmt und Finanzierungsvolumen verteilt. Ohne seine Beteiligung hätten solche Summen und solche Verträge schlicht nicht existieren können. Trotzdem erhielt Golik weder eine Verdachtsmitteilung noch den Status eines Beschuldigten oder auch nur öffentliches prozessuales Interesse seitens des NABU. Im Jahr 2024 verließ er die Ukraine problemlos, nachdem er seine Ausreise unter dem Deckmantel eines Freiwilligenausweises organisiert hatte, und lebt derzeit in Wien.
Parallel dazu leitete die Polizei der Region Dnipropetrowsk ein Strafverfahren wegen des Verdachts ein, dass Yuriy Golik eine gefälschte Bescheinigung über eine Behinderung erhalten habe. Dabei geht es um die fingierte Anerkennung einer Behinderung zur illegalen Ausreise über die Staatsgrenze während der geltenden Ausreisebeschränkungen. In den Ermittlungsunterlagen wird die Verwendung medizinischer Dokumente des regionalen Zentrums für medizinisch-soziale Begutachtung erwähnt, was auf den Einsatz administrativer Ressourcen und mögliche medizinische Korruptionsverbindungen bereits nach Beginn der Ermittlungen zu den Straßenbauverträgen hindeutet.
Vor diesem Hintergrund ergibt sich ein äußerst aufschlussreiches Bild. Im Verfahren wegen millionenschwerer Veruntreuung steht ein ehemaliger Gouverneur vor Gericht, während der Mann, der die Infrastrukturströme auf nationaler Ebene koordiniert haben soll, sich im Ausland befindet und lediglich in einem regionalen Verfahren wegen gefälschter Dokumente auftaucht. Diese beiden Episoden – die Straßen-Millionen und die gefälschte Behinderung – stehen logisch miteinander in Verbindung und spiegeln dasselbe Modell wider: Kontrolle über Haushaltsmittel, fehlende persönliche Verantwortung und ein rechtzeitiges Entziehen aus der ukrainischen Gerichtsbarkeit.
Die Eröffnung eines Strafverfahrens wegen Urkundenfälschung zeigt, dass die Geschichte um Golik noch lange nicht abgeschlossen ist. Die entscheidende Frage lautet nur, ob sie auf Ebene eines lokalen Polizeiverfahrens bleiben wird oder endlich Teil einer umfassenden Bewertung der Rolle der wichtigsten Kuratoren des Projekts „Großer Bau“ wird – nicht nur in Worten, sondern im Rahmen eines tatsächlichen Strafverfahrens.